Jürgen Support Team


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Geschrieben: 05.03.2005 - 18:38 Titel: Aquariumpflanzen immer aus dem Topf nehmen... |
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... so liest mans in jedem besseren Buch, wenn das Thema 'Einsetzen der Aquariumpflanzen' angeschnitten wird, und die Gründe dafür sind u.a., dass
- sich die Wurzeln der Pflanzen nicht ausbreiten können und die Pflanze im Wachstum zurückbleibt (Bosai-Effekt). Diesen Punkt werde ich nachfolgend widerlegen.
- der Ansatz der Blattspreite der Pflanze in den Korb einwächst. Dieses Argument ist richtig und kann nachfolgend bewiesen werden.
- in der Steinwolle aus der Gärtnerei möglicherweise grössere Mengen Düngemittel ins Aquarium eingetragen werden könnten. Der Grossteil der Aquariumpflanzen wird emers (= ausserhalb des Wassers) kultiviert, die Wurzeln sehen in einer überdüngten nitrat- und phosphatreichen Nährstofflösung. Nach dem gründlichen Wässern der Pflanzen sollte dieses Problem nicht auftreten, in meinen Pflanzenbecken sind Eutrophierungsprobleme noch nie problematisch in erscheinung getreten.
- die Steinwolle von manchen Fischen gefressen werden könnte und diese daran Schaden nehmen könnten. Ein aquaristisches Schauermärchen, das sich bestenfalls als Platzhalter in diversen Büchlein eignet und gewissenhaft von einem Autor zum anderen ungeprüft weitergereicht wird.
Nun - kleine Bodendecker wie Lilaeopsis (Echinodorus) tenellus, Glossostigma elatinoides, Echinodorus isthmicus oder kleinen Sagittarien könnte man durchaus mitsamt dem Topf einsetzen und abwarten, bis sie sich mit ihren Ausläufern über den Topfrand vermehrt haben. Die kleinen Ablegerpflänzchen wurzeln im benachbarten Kies oder Sand an und können nach einer gewissen Zeit, die idealerweise der Einlaufzeit des Aquariums entspricht, abgetrennt werden.
Zumindest würde man sich damit die mühevolle Kleinarbeit mit Pflanzennadeln ersparen, um die Pflanzen komplett im Bodengrund zu fixieren (um nicht zu schreiben: zu verscharren). Wenn die Töpfe frisch aus der Gärtnerei kommen, kann man sie ja in einem kleinen beleuchteten Aquarium einige Tage wässern, gleichzeitig die Gewähr, dass man sich keine ungebetenen Gäste (Zünsler, Libellenlarven, Schnecken) ins Aquarium einschleppt. Die Steinwolle selber kann man mit einer geringen Schicht Aquariumkies vor den Fischen verbergen, solange keine wühlenden oder zupfenden Arten im Becken sind. Zwar stellt die Steinwolle nach meinen Erfahrungen keine Gefahr für Fische dar (denn welcher Fisch nimmt schon freiwillig anorganisches geschmackloses Material zu sich), es macht sich aber unschön im Becken bemerkbar.
Erfahrungsgemäss wachsen die Pflanzen mit dieser Methode erheblich schneller an, da der Verlust des Feinwurzelwerks beim Entfernen aus dem Pflanzentopf wegfällt.
Die 'Methode' ist für Vordergrundpflanzen anwendbar. Nebenbei kann man auf diese Weise recht einfach und kostensparend (wenn Zeit keine Rolle spielt) grössere Bereiche des Vordergrundes begrünen, indem man der 'Mutterpflanze' Gelegenheit gibt, sich über den Topfrand zu vermehren. Sind die Adventiv- oder Ausläuferpflanzen lebensfähig und angewurzelt, trennt man sie von der 'Mutter' ab, entnimmt den Topf und setzt ihn an anderer Stelle neu ein.
Bei Stängelpflanzen hat sich herausgestellt, dass bei den Topfarbeiten in der Gärtnerei oft Blatteile in das Substrat eingearbeitet werden. Die Zersetzungsprozesse im schwach durchströmten Material verursachen Fäulnisprozesse und in weiterer Folge oft anaerobe Zersetzungsvorgänge, die Fischen tatsächlich schaden können (Schwefelwasserstoff, das in Spuren bereits hochgiftig für Fische wirkt, kann entstehen). Diese Vorgänge können - zugegeben - ebenfalls in der Steinwolle der Topfpflanzen ablaufen, wenn in den Gärtnereien schlampig gearbeitet wurde. Abgestorbenes Wurzelwerk beginnt zu verfaulen und belastet unnötig das Aquariumwasser - in diesem Fall die Topfpflanzen prüfen, ob die Wurzeln bereits eine Verbindung mit dem Topfsubstrat eingegangen sind oder nur in zwei bis drei Spalten des Substrates reingequetscht wurden. In diesem Fall ist es besser, die Steinwolle sofort zu entfernen, das Hauptargument, nämlich dem vorzeitigen Verlust des vorhandenen Feinwurzelanteiles vorzubeugen und der Pflanze eine Anpassung an die vorgegebenen Lichtverhältnisse im Aquarium zu bieten, ist nicht gegeben. In diesem Fall den obligatorischen Wurzelrückschnitt durchführen und 25 % der Blätter entfernen und die Pflanze - wie später geschildert - im Aquariumsubstrat einpflanzen.
Ebenso kann man Schwertpflanzen mit dieser etwas abgewandelten Methode besser an die Beleuchtungsverhältnisse im 'Heimaquarium' eingewöhnen. Man stellt die Pflanze mit Topf ins Aquarium, nicht ohne ihr zuvor etwa 1/4 des Laubes zu nehmen - der Rückschnitt der Blätter soll eine Nährstoff-Unterversorgung der gesamten Pflanze verhindern helfen. Die Massnahme ist später in Kombination mit einem Wurzelschnitt in jedem Fall empfehlenswert.
Das Eingewohnen sog. Mutterpflanzen geht aber mit dem Einstellen ohne Wurzelschnitt leichter vonstatten. Diese Mutterpflanzen, meistens einige Zeit im Gewächshaus bereits im Topf kultiviert, oft mit Tochterpflanzen an Adventivsprossen, verlieren beim unmittelbaren Einsetzen in den Aquariumkies den Grossteil ihres Feinwurzelwerkes. Diese Feinwurzeln, mikroskopisch klein, ermöglichen der Pflanze erst die Aufnahme der Nährstoffe. Alles, was man mit blossem Auge an Wurzelwerk erkennen kann, dient lediglich der Verankerung der Pflanze im Substrat bzw. der Erschliessung neuer Nährstoffschichten. Grosse Verluste bedeutet für die Pflanze keine Verschlechterung der Nährstoffversorgung, allerdings sind die Fein- und Feinstwurzeln im Substrat nach dem Entfernen wertlos.
Damit kann die Pflanze nicht einmal mehr ihre Blätter ausreichend mit Nährstoffen versorgen, ihre Erhaltungs-Energie richtet sie daher im neuen Umfeld logischerweise zunächst primär in die Ausbildung neuer Wurzeln - typische Folge: die meisten Blätter, v.a. der äusseren Blattspreite, werden gelb und sterben ab.
Um das zu vermeiden und die Lebensenergie der Pflanze in die Bildung neuen Feinwurzelwerkes zu lenken, wird ein Wurzelschnitt von mindestens 1/3 mit einer Schere durchgeführt - damit wird das Fein-Wurzelwachstum erheblich angeregt, das sich in vollem Umfang erst auf neuen Ankerwurzeln entwickeln kann.
Um eine Unterversorgung des 'alten' Blattgrüns zu vermeiden, werden mindestens 25 % der Blätter entfernt (bei einer Schwertpflanze mit 6 Blättern wären das zwei Blätter), vorzugsweise die äussersten dunkelgrünen.
Hintergrund: die Blätter müssen sich zunächst auch vom 'Gärtnereilicht' (Tageslicht) auf das Aquariumlicht (Kunstlicht) umstellen. Die ältesten Blätter schaffen das nicht mehr bedingt, sie belasten nur die Pflanze, weil sie zur Erhaltung ebenfalls Nährstoffe benötigen würden, die für die Wurzelbildung und Bildung neuer Blätter fehlen. Erst die angesprochene Neubildung von Blättern unter Aquariumlichtbedingungen ermöglicht es der Pflanze, 100% photosynthetisch aktives Laub zu bilden.
Das Einstellen der Mutterpflanze oder in der Gärtnerei für einige Wochen im Verkaufstopf kultivierten Aquariumpflanze für 3-4 Wochen ins Aquarium, ohne sie aus dem Topf zu entfernen, bewirkt also, dass
- die Pflanze ihre Feinwurzeln vorübergehend behalten und damit Nährstoffe aufnehmen und für die Neubildung neuen Laubes verwenden kann.
- die Pflanze ihre Energie in die Bildung neuer, photosynthetisch effektiverer Blätter leiten kann und in der Folge in kürzerer Zeit besser mit den dramatisch veränderten Wachstumsbedingungen (Gärtnerei --> Aquarium) umgehen kann.
Eine wesentliche Erleichtung und recht einfach umzusetzende Anwuchshilfe für alle Echinodorus-Arten. Vor dem Einbringen der Pflanze nach dieser Eingewöhnungsphase ins Aquarium nicht vergessen, der Pflanze dennoch etwa 25 % der ältesten Blätter zu nehmen - sie sind nutzlos und bringen für das spätere Gedeihen der Pflanze keinen Nutzen.
Hat die Echindodorus-Mutterpflanze (oder kleine Echinododrus) nun 2-3 neue Blätter gebildet, kann man daran gehen, sie aus dem Topf zu nehmen. Die Steinwolle wird entfernt, die Wurzeln um 1/3 zurückgeschnitten und der Pflanze wiederum 1-3 (je nach dem wie gross sie wirklich ist) der ältesten Blätter der Rosette genommen. Die Blattstiele mit einer Schere oder einem scharfen Messer abtrennen, niemals nach unten 'abziehen' - die entstehende Verletzung könnte das Pflanzenwachstum behindern und eine Eintrittsstelle für Keime darstellen. Die Pflanze kann dicht über dem Bodengrund vorübergehend durchaus aussehen wie der Strunk einer Ananas.
Eine weiterer Fehler beim Einpflanzen von Echinodorus-Arten:
- die Pflanze darf nicht zu tief oder zu seicht eingesetzt werden (Tag-Nacht Grenze beachten), d.h. die Grenze zwischen Pflanzkorb-Substrat (Steinwolle) und Wasserkörper, die sich gut durch die Verringerung von Chlorophyll (Weisswerdung) abzeichnet, muss später im Aquarium mit der Kiesobergrenze übereinstimmen.
- die Pflanze darf nicht 'verscharrt' werden, sondern wird ins vorbereitete Pflanzloch gesetzt, zugehäufelt und zum Schluss soweit vorsichtig angehoben, dass die Wurzeln nicht wie ein zerdrückter Pinsel im Pflanzloch zu liegen kommen, sondern wieder aufgerichtet werden. Grundvoraussetzung dafür ist selbstverständlich eine ausreichende Kieshöhe, die bei grösseren Echinodoren 5 cm nicht unterschreiten sollte. Als Anwuchshilfe hat es sich sehr bewährt, im Wurzelbereich eine Lehmkugel oder Tonkugel zu platzieren. Mineralische Düngetabletten erst 1-2 Wochen später verwenden und nicht direkt im Wurzelbereich verabreichen, um ein Verätzen der Feinwurzeln zu vermeiden.
Soweit die Theorie. Was passiert, wenn man eine kleine Schwertpflanze in einem offenen Aquarium mit HQI-Beleuchtung 'vor sich hin'-wachsen lässt und nicht gärtnerisch eingreift? Nicht düngt? Kein zusätzliches CO2 verabreicht?
Es wird, im Optimalfall, eine Mutterpflanze daraus, mit vielen Blättern und Ablegerpflanzen. Entgegen allen Vorschriften und Lehrmeinungen hat sich bei mir so ein Riesenexemplar entwickelt, das ich näher vorstellen möchte:
Art: Echinodorus cordifolius
Wurzellänge (Ankerwurzeln, grösste) 66 cm
Seitenwurzellänge: (grösste) 8 cm, durchschnittlich 5 cm
Längstes gemessenes Blatt incl. Blattstiel: 84 cm
Blattlänge ab Stiel: 22 cm
Gesamtlänge des grössten Blattes (incl. herzförmigen Blattlappen, ohne Blattstiel): 25 cm
Dimension des grössten Blattes an der breitesten Stelle: 15 cm
Blätter: 12
Blütenstiele mit Ablegerpflanzen und Blüten: 4
Der Bereich mit dem Pflanzkorb im Detail:
Eine Umfangreichere Belaubung wäre unter diesen Verhältnissen wohl nicht mehr möglich gewesen. Nach dem Aushub der Pflanze aus dem Aquarium, bei dem der Wasserspiegel glatt um einige Zentimeter absank, und dem darauffolgenden Fotografieren wurden ein Pflanzenrückschnitt durchgeführt und 3 alte Blätter entfernt.
Anhang:
Pflanzen, die keinen Wurzelrückschnitt oder Reduzierung der Blattmasse benötigen:
Anubias sp. (Speerblätter), Javafarn, Knollenpflanzen, Stängelpflanzen
Pflanzen, bei denen ein Wurzelrückschnitt sehr empfehlenswert ist:
Schwertpflanzen (Echinodoren), Wasserkelche (Cryptocorynen), Sumpfschrauben (Vallisnerien), Tigerlotus (Nymphaea), Sagittarien
Pflanzen, bei denen eine begleitende Reduzierung des Laubes einen Anwuchserfolg drastisch verbessern kann:
Schwertpflanzen (Echinodoren), Wasserkelche (Cryptocorynen), Sumpfschrauben (Vallisnerien), Tigerlotus (Nymphaea)
Lg
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